Herausgeber:
Martin R. Textor
Kindertagesbetreuung




Heidelberg: "FAUSTLOS"gegen Gewalt in Kindergärten


FAUSTLOS ist ein bislang in Deutschland ein einmaliges Projekt zur Vorbeugung gegen Gewalt unter drei- bis zehnjährigen Kindern - In Heidelberger Grundschulen bereits mit Erfolg durchgeführt, wird FAUSTLOS nun auch im Vorschulbereich erprobt.

Oberbürgermeisterin Beate Weber und der Leiter der Abteilung für psychosomatische Kooperationsforschung und Familientherapie am Universitätsklinikum Heidelberg Prof. Dr. Manfred Cierpka stellten kürzlich in der städtischen Kindertagestätte Hegenichstraße (Kirchheim) in einer Probelektion und einem anschließenden Pressegespräch das neue Gewaltpräventionsprojekt "FAUSTLOS für Kindergärten" vor.

FAUSTLOS ist bislang einmalig in Deutschland. Das Programm hat das Ziel, impulsives und aggressives Verhalten von drei- bis zehnjährigen Kindern zu vermindern und ihr soziales Verhalten zu stärken. In der Kindergartenversion besteht FAUSTLOS aus 28 Lektionen, die über ein Jahr lang bearbeitet werden. In der Grundschule dauert FAUSTLOS drei Jahre und beinhaltet insgesamt 51 Lerneinheiten. Jede Lektion besteht aus drei Teilen: einem Vorbereitungsteil für die Lehrer, einem Unterrichtsteil der Lektion mit Fotos, einer Geschichte und Diskussionsfragen sowie einem dritten Teil mit Rollenspielen und einer Übertragung des Gelernten, um so die neuen Kompetenzen der Kinder zu vertiefen.

Beispiel einer Unterrichtsstunde: Die Erzieherin zeigt den Kindern ein großes Foto. Zu sehen ist Jonas. Seine Stirn ist gerunzelt, die Hände sind zu Fäusten geballt. Jonas ist zornig und wütend. Es sieht so aus, als ob er gleich losschlagen will. Zwischen der Erzieherin und den Kindern entsteht ein lebhaftes Gespräch. Dann fordert die Erzieherin die Kinder auf: "Zeigt mal, wie es ist, wenn Ihr wütend seid". In einer weiteren Stunde wird über ein Foto diskutiert, auf dem Tim und Anke zu sehen sind. Anke ist eifrig beim Malen, Tim sitzt angespannt neben ihr. Was in ihm wohl vorgeht?

Die Lerneinheiten bauen systematisch aufeinander auf. So sollen die Kinder durch FAUSTLOS erkennen, was ein anderer Mensch fühlt. Sie sollen sich in andere hineindenken und hineinfühlen lernen, um so gefühlsmäßig auf einen anderen Menschen eingehen zu können (Einheit: "Empathieförderung"). Sie sollen weiterhin lernen, ihre Impulse zu kontrollieren und Probleme auf eine positive Art zu lösen (Einheit: "Impulskontrolle"). Zudem ist es Ziel, dass die Kinder Anzeichen von Wut und Ärger bei sich selbst und anderen erkennen. Aggressives Verhalten soll dadurch verringert beziehungsweise verhindert werden. So wird den Kindern die Möglichkeit gegeben, über den Vorfall nachzudenken, der den Ärger ausgelöst hat (Einheit: "Umgang mit Ärger und Wut").

Entwickelt und wissenschaftlich begleitet wird FAUSTLOS von der Abteilung für Psychosomatische Kooperationsforschung und Familientherapie der Universität Heidelberg unter der Leitung von Prof. Dr. Manfred Cierpka. Es basiert auf "Second Step", einem vom Committee for Children in den USA entwickelten Konzept. Bereits vor acht Jahren wurde das auf deutsche Verhältnisse übertragene FAUSTLOS-Curriculum das erste Mal von Prof. Cierpka in einer Pilotphase an Göttinger Kindergärten mit positiven Ergebnissen überprüft.

Derzeit nehmen fünf Kindergärten im Raum Heidelberg und Mannheim an einer weiteren wissenschaftlichen Studie teil, darunter auch die Kindertagesstätten Hegenichstraße und Phillip Reis Straße der Stadt Heidelberg. Gefördert wird das Projekt vom baden-württembergischen Kultusministerium (Faustlos für Grundschulen) und vom baden-württembergischen Sozialministerium (Faustlos für Kindergärten). Außerdem ist FAUSTLOS ein Förderprojekt des Bündnisses "Für Kinder - gegen Gewalt".

Studien haben ergeben, dass 15 Prozent der Kinder in "Täter-Opfer"-Konflikte verwickelt sind, und jedes zehnte Kind von Gleichaltrigen verfolgt und attackiert wird. Zudem gibt es in fast jeder Gruppe Kinder, die durch extrem aggressives und impulsives Verhalten auffallen. Diese Kinder werden von Gleichaltrigen meist zurückgewiesen. Die Folge ist, dass die abgelehnten Kinder die anderen herausfordern und sich häufig mit ihnen prügeln. Das aggressive Verhalten zieht sich durch ihr ganzes Leben. Wenn sie selbst Eltern werden, setzen sie die Gewalttätigkeit fort.

Während über aggressive Kinder schon seit langem geforscht wird, ist die Notlage von Kindern, die von ihren Altersgenossen unterdrückt werden, bisher noch zu wenig beachtet worden. Diese Kinder haben ein niedriges Selbstwertgefühl, sie haben keinen Erfolg in der Schule und ziehen sich zurück. Das "FAUSTLOS-Team" betont: "Das Programm FAUSTLOS zur Vorbeugung von Gewalt richtet sich an alle Kinder einer Gruppe, so dass mögliche Täter und mögliche Opfer einen Nutzen davon haben und niemand diskriminiert wird."

Oberbürgermeisterin Beate Weber: "Nicht erst seit den furchtbaren Ereignissen in Erfurt erscheint es dringend notwendig, der zunehmenden Gewaltbereitschaft unter Kindern und Jugendlichen rechtzeitig zu begegnen. Die aktuelle Forschung geht davon aus, dass frühzeitige Gewaltprävention weitaus erfolgreicher ist als Interventionsmaßnahmen bei bereits aggressiven oder gewalttätigen Jugendlichen. Daher bin ich sehr froh, dass wir dieses wichtige Projekt in unseren städtischen Einrichtungen unterstützen können. Präventionsarbeit ist ein wesentlicher Bestandteil im Alltag unserer Kindertagesstätten. Unser Hauptziel bei der Betreuung, Bildung und Erziehung der Kinder ist, dass sie sich zu eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeiten entwickeln."

Was ist das Besondere an FAUSTLOS?

  • FAUSTLOS ist mehr als Prävention, da allgemeine soziale Verhaltensfertigkeiten gelernt und geübt werden.
  • FAUSTLOS richtet sich an alle Kinder einer Klasse bzw. Gruppe, so dass potenzielle Täter und potenzielle Opfer profitieren und niemand stigmatisiert wird.
  • FAUSTLOS anerkennt die Lehrer/innen bzw. Erzieher/innen als Expert/innen für die Umsetzung des Curriculums.
  • Die Erzieher/innen bzw. Lehrer/innen werden durch eine Fortbildung auf das Unterrichten von FAUSTLOS vorbereitet.
  • FAUSTLOS verstärkt die erzielten Verhaltensänderungen durch seine kontinuierliche Anwendung und die Betonung des Transfers in den Alltag.
  • FAUSTLOS zeichnet sich durch eine gute didaktische Aufbereitung und die Systematik der aufeinander aufbauenden Lerneinheiten aus.
  • FAUSTLOS berücksichtigt die entwicklungspsychologischen Veränderungen im Kindesalter durch spezifische Curricula für Kindergärten und Grundschulen mit jeweils altersspezifischen Lektionen.
  • Die FAUSTLOS-Einheiten bauen auf entwicklungspsychologischen Forschungsbefunden zu den Ursachen von aggressivem Verhalten auf.
  • Die Effektivität von FAUSTLOS wurde in mehreren Studien belegt.
  • Qualitätssicherung ist integrativer Bestandteil der FAUSTLOS-Curricula.

Quelle: Pressemitteilung vom 15.05.2002, http://www.staedtetag.de/10/presseecke/aus_den_staedten/artikel/2002/05/15/246/